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Singet dem Herrn ein neues Lied
Wolfgang Helbich ist der Leiter des Bremer RathsChores, in dem sich über 100 Sängerinnen und Sänger zusammengefunden haben, die mit dem renommierten früheren Domkantor weiter Musik machen wollen.
Was ihn mit der Chormusik verbindet, erklärt Helbich in einem Interview.
Wie sind Sie auf die Musik gekommen?
Die Musik ist zu mir gekommen. In meiner Kindheit gab es niemanden, der mich zur Musik hätte führen können. Zuerst habe ich auf einem Kamm geblasen. Wenn Lieder gesungen wurden, habe ich eine Oberstimme dazu improvisiert.
Da war niemand, der Vorbild hätte sein können?
Nein. Aber wenn ich im Radio Mozart oder Beethoven gehört habe, war ich immer fasziniert. Das Komische war: Bach habe ich als Kind nicht verstanden, und doch gewusst, dass es gute Musik ist.
Und die Kirchenmusik?
Bei meinem Kantor habe ich dann Orgelunterricht erhalten. Bezahlen konnte ich das nicht. Dafür habe ich ihn vertreten als Chorleiter und bei Gottesdiensten auch an der Orgel.
Warum hat die sakrale Musik Sie so gefangen?
Gute Musik gibt es auch ohne Gesang. Aber Chormusik hat mehr Möglichkeiten – durch die Sprache. Durch das, was die Sprache sagt, und durch die Artikulation der Sprache.
Was war denn an Bach für den Knaben Helbich so unverständlich?
Wahrscheinlich die Polyphonie. Seine sakralen Werke haben für mich eine unglaubliche Tiefe. Bach ist ja kein Anbiederer. Telemann oder Händel erschließen sich dagegen schnell. Es ist bis heute unbekannt, wie das Leipziger Publikum damals die Bach’sche Musik aufgenommen hat. Die haben von ihm Musik vorgesetzt bekommen, die niemand sonst so geschrieben hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie ihn geliebt haben.
Interview im Weser Kurier:
„Ich kann jetzt Neues anpacken"
Wolfgang Helbich über seine Pläne nach dem Abschied vom Domkantorat
Der ehemalige Domkantor Wolfgang Helbich hat einen neuen Chor gegründet und tritt mit ihm in zwei Konzerten auf: Am Sonnabend, 8. November, in der Wilhadi-Kirche Utbremen und am 6. Dezember 2008 in Lunsen bei Achim, wo alle sechs Kantaten des Weihnachtsoratoriums von Bach aufgeführt werden. Arnulf Marzluf sprach mit dem Kantor über seine Zeit "nach dem Dom".
Frage: Herr Helbich, das Domkantorat liegt hinter Ihnen, was machen Sie jetzt?
Wolfgang Helbich: Ich mache Musik.
Wo? Weiterhin in Bielefeld, wo ich den Musikverein der Stadt leite, natürlich auch weiterhin gerne in Bremen mit einer Gruppierung von Chorsängern, die den ausgesprochenen Wunsch haben, mit mir weiterhin Musik zu machen. Der Chor heißt Raths-Chor, 80 bis 90 Mitglieder, und er ist ganz frisch zusammengekommen. Dann geht es weiter mit dem Alsfelder Vocalensemble, mit dem ich unter anderem ein Projekt im Hamburger Michel habe.
Sind auch Choristen aus dem Domchor darunter? Vom Domchor singt ein Drittel nun ausschließlich bei mir, ein Drittel im Dom und ein Drittel sowohl im Dom als auch bei mir. Dieses Drittel mag die Arbeit im Dom, aber auch die, die sie von mir gewohnt ist, und will von beidem nicht lassen.
Mit welchen Orchestern treten Sie auf? Das regeln wir von Fall zu Fall. Die Kammersinfonie hat sich entschieden, ausschließlich dem Dom zur Verfügung zu stehen und nicht mir, so dass wir eine Trennung haben. Für unser großes Projekt in diesem Jahr mit den sechs Kantaten des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach, die wir auf Anregung des ehemaligen Tonmeisters von Radio Bremen, Andreas Heintzeler, in der Kirche in Lunsen aufführen, haben wir ein Ensemble mit Mitgliedern der Deutschen Kammerphilharmonie. Das Konzert wird vom Deutschlandradio mitgeschnitten und Heiligabend bundesweit übertragen.
Bremen kommt selbst momentan nicht vor? Sie spielen auf etwas an, mit dem ich momentan leben muss. Eine Art Exil, das mir mit diesem Chor verordnet worden ist. Wir sollen in Bremen überhaupt nicht auftreten. In Wilhadi haben wir eine Gastgemeinde für das Konzert am 8. November gefunden. Hat man Ihnen das persönlich mitgeteilt? Nein, mir zunächst nicht. Weil der Chor sich selber organisiert, ist das durch eine Anfrage bei Liebfrauen über den Landesmusikkichendirektor mitgeteilt geworden. Dann bestätigt durch viele andere Anfragen; mir letztlich durch die Kirchenpräsidentin und Kanzleileitung, nicht als zentrale Order - wir haben ja unabhängige Gemeinden - , sondern als allgemeines Votum.
Aus welchem Grund? Man will den neuen Domkantor schützen. Das verstehe ich auch, auch insoweit als wir jetzt im Zentrum nicht auftreten. Allerdings habe ich gehört, dass der Nachfolger eher meint, Bremen sei groß genug für zwei Chöre dieser Art. Er hat ja einen Domchor ausreichender Größe. Die große traditionelle Arbeit am Dom soll weitergehen, das ist ja auch mein Interesse. Ich mache mir um ihn keine Sorgen, er ist unter 70 Bewerbern als der beste herausgefilter worden. Ich sehe diese Sorge um ihn als nicht genügend vertrauensvoll an.
Es geht die Rede, die anderen Kantoren der Stadt seien nicht immer glücklich über die Zusammenarbeit mit Ihnen gewesen. Ich habe das nie so empfunden. Erst im März haben drei Kantoren an ein und demselben Tag das gleiche Oratorium aufgeführt. Das Problem, dass Termine sich nicht immer regeln lassen, gibt es auch für andere. Ich bin freilich nicht der Typ, der oft zu Sitzungen geht. Ich bin vielleicht nicht ganz so gesellig, wie ich sein sollte. Das ist ein Fehler, das gebe ich zu.
Wie finanzieren Sie die Konzerte? Wir haben das Glück, dass Henning Scherf Vorsitzender des Freundeskreises des Chores ist, der sich als großer Fan meiner Musik geoutet hat. Über ihn sind Sponsoren angeworben worden.
Gehen Sie auch auf Tournee? Es liegt nahe, dass wir auch in Nachbarstädten auftreten. Wir müssen das versuchen, aber auch sehen, wie weit der Kirchenbann in Bremen nun geht.
Sie haben vorzügliche Musik am Dom gemacht, trotzdem meine ich:
Warum sollte nach über 30 Jahren nicht einmal ein Wechsel stattfinden, auch mit einem neuen Musizierstil. Ich hatte eine 4c-Professur in Saarbrücken für Bremen aufgegeben. Ich liebe meine Arbeit und welcher Künstler hört mit 65 auf. Es ist - so gesehen - allerdings gar nicht schlecht, denn ich kann jetzt Neues anpacken, was in ein paar Jahren vielleicht so nicht möglich gewesen wäre. Allerdings finde ich es nicht gut, dass man mir Steine in den Weg legt, wenn ich nun etwas Neues anfangen will. © Copyright Bremer Tageszeitungen AG, Datum: 05.11.2008
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